Die Tüten-Tüte

Ich habe heute mal wieder meinen Flur sauber gemacht. Also so richtig. So gründlich macht man das ja nicht jedesmal. Da muss die kleine Kommode weggeschoben werden, alle Schuhe werden weggeräumt und auch der Kleiderständer für die Jacken verschwindet für eine Weile im Wohnzimmer, solange der Boden nach dem Wischen noch trocknet. Dabei ist mir meine Tüten-Tüte in die Hände gefallen.

So eine Tüten-Tüte findet sich in jedem Haushalt. Darin sammelt man Taschen und Einkaufstüten. Die Menschen sind umweltbewußt geworden und eine Einkaufstüte sollte man öfter verwenden, um Plastikmüll zu vermeiden. Ausserdem werden einem heute auch an allen Ecken wieder Stoffbeutel angeboten. Einen Stoffbeutel kann man auf gar keinem Fall einfach wegwerfen. Und da sind nicht zuletzt die großen blauen Kunststofftüten des schwedischen Möbelhauses. Die hat man teuer bezahlt. Also hebt man diese Beutel und Tüten für den nächsten Einkauf auf.

Natürlich kommt es immer anders. Wer kennt nicht diesen typischen Samstagsvormittagssatz: »Du Schatz, wir brauchen noch Teelichter, lass uns doch noch schnell bei Ikea vorbeifahren«. 

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass kein Mensch in der Lage ist beim Schweden »nur« eine Packung Teelichter zu kaufen. Diese werden dort subventioniert angeboten, damit die Menschen noch dutzende andere Dinge erwerben, die sie eigentlich nicht benötigen. Und selbstverständlich hat niemand in diesem Moment die blaue Tasche vom letzten Einkauf dabei. Die ist wie immer in der Tüten-Tüte geblieben. Also ersteht man einen weiteren blauen Beutel. 

Wie immer. Natürlich legen sich die Menschen dann gerne eine Entschuldigung zurecht: »Das macht nix, Schatz. Die Tüte verwenden wir, um die Pfandflaschen zu sammeln.« Natürlich ist das Selbstbetrug. Denn die Flaschen werden längst in der Tüte vom letzten Einkauf gesammelt. Also wandert diese, wie all die anderen vielen Tüten und Beutel, die man spontan erstanden hat in der Tüten-Tüte.

Ich komme noch aus einer Zeit, in der man Plastiktüten umsonst im Supermarkt bekam. Die sind natürlich lange vorbei. Damals hatte man die Plastiktüten oft als Müllbeutel verwendet. Sinnvollerweise gehören diese Umsonst-Tüten der Vergangenheit an. Heute muss man dafür teuer bezahlen. Doch eine Mülltüte für 50 Cent? Macht keiner. Also sammelt man auch diese Taschen in der Tüten-Tüte. Natürlich immer oben auf. 

Der Mensch kann nichts dafür, er ist so.

Und so sammeln sich im Laufe der Jahre am Boden der Tüten-Tüte Plastiktaschen an, die fast schon kulturhistorischen Wert haben. Nicht selten findet man dort Plastiktüten längst nicht mehr existierender Supermarkt-Ketten. Also, die würde man finden, wenn man danach sucht. Macht man aber nicht. Lieber legt man sich eine zweite oder dritte Tüten-Tüte zu und sammelt weiter. Da sind Menschen wie Eichhörnchen. Und wie Eichhörnchen vergessen dann die Menschen, dass es eine Tüten-Tüte Nummer eins gibt. Das Problem dabei ist: Plastik ist zwar nahezu unverwüstbar, aber halt nur nahezu. Irgendwann werden diese alten Tüten irgendwie anders. Klebrig oder verfärben sich. Mit so einer Tüte geht man natürlich nicht mehr einkaufen. Und dann schmeißt man die komplette Tüten-Tüte irgendwann weg. Zum Beispiel, wenn man den Flur mal so richtig saubermacht und einem Tüten-Tüte Nummer Eins in die Hände fällt. 

Also weg damit. Aber erst, wenn es dunkel geworden ist. Es ist ja inzwischen ziemlich peinlich mit soviel Plastikmüll vom Nachbarn erwischt zu werden. Und natürlich gelobe ich feierlich Besserung und werde in Zukunft an meine Tüten-Tüte denken, bevor ich einkaufen gehe. 

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Berliner Winter

Dank der angekündigten wochenlangen Kältewelle (heute Mittag waren es schon arktische 5 Grad (plus natürlich)) blieb eine größere Schneekatastrophe aus. Was die zahlreichen Räumdienste nicht daran hinderte noch in der Nacht die Schneemassen zu beseitigen. Anscheinend geht das nur mit dem gleichzeitigen Ausbringen von Sand, Kies oder der Gleichen, um zu verhindern, dass jemand ausrutscht. Leider hat das auch zur Folge, dass nun die Gehwege mit einer durchgehenden (und sehr rutschigen) Schlammschicht bedeckt sind, die man unweigerlich mit in die Wohnung schleppt, wenn man draussen war. Das ist ärgerlich, da ich erst gestern alle Böden in der Wohnung gewischt habe.

Ansonsten ist der Himmel konstant grau. Also nicht Hellgrau im Wechsel mit Dunkelgrau oder Trübgrau, sondern nur grau. Es ist ein einheitliches, sich nicht änderndes Trauriggrau. Dazu tröpfelt es etwas. Kein richtiger Nieselregen, sondern nur willkürlich fallende Tropfen. Doch es reicht um unsere in einem bedenklichen Zustand befindlichen Gehwege und Strassen in ein Pfützenmeer zu verwandeln. Was wiederum zur Folge hat, dass man sich permanent entscheiden muss, ob man seine Schritte in den Schlamm oder gleich ins Wasser setzt. Wichtig dabei ist, nicht zu dicht an der Strasse zu laufen, da die durch die Autos aufspritzende Schlammgischt sonst die Klamotten komplett einsaut. 

Also ein typischer Berliner Winter. Den man keinesfalls unterschätzen darf. Die Behörden warnen selbstverständlich vor dem Betreten der Seen. Immerhin hatten wir schon zwei Nächte mit Minusgraden zu überstehen. Die Warnung erfolgt sehr zu Recht, da der gemeine Berliner selbstverständlich die Schlittschuhe aus dem Keller holt, sobald sich eine hauchdünne Eisschicht auf einem Tümpel oder See gebildet hat. Auch eine geschlossene nächtliche Schneedecke von ca. 0,2 cm ist ein mediales Ereignis und die Bevölkerung wird nicht nur von den Boulevardblättern auf eine neue Eiszeit vorbereitet. Gott sei Dank fiel der Schnee in der Nacht und es war wenig Verkehr auf den Strassen. So wurde ein Verkehrschaos vermieden. Als Stadtmensch ist der Berliner Autofahrer prinzipiell skeptisch, was die Verwendung von Winterreifen angeht. (Die wollen nur Geld machen – abba nich mit mir).

Um diese traurige Jahreszeit zu überstehen war ich vorhin einkaufen. Ich habe verzweifelt versucht so etwas wie Vitamine zu erstehen, um irgendwie zu überleben. Leider ist das Angebot genauso grau wie der Himmel. Oder so teuer, dass man (ich) es mir nicht leisten kann. Um mich vor Skorbut zu schützen habe ich dann ein paar Zitronen gekauft, deren Ökobilanz zum Himmel schreit. Das Gleiche gilt für die roten Paprikaschoten, die im Sonderangebot waren. Was soll man machen. Irgendwie muss man (ich) sich ja ernähren, ohne all zu sehr unter Mangelerscheinungen zu leiden. 

Vor dem Essen muss ich aber erst mal alle Böden in der Wohnung wischen (siehe oben) und hoffe das dieser unendlich lange und strenge Winter bald vorbei geht und ich wieder auf dem Balkon die Sonne geniessen kann. Sofern diese leidigen Bauarbeiten irgendwann beendet sind. Aber das ist eine andere Geschichte…

Der eigentliche Skandal der DSGVO

Über die Auswirkungen der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) wird in den Medien zahlreich berichtet. Da ich als Betreiber eines Blogs und einer Webseite selber betroffen bin verfolge ich die Diskussion intensiv. Und vieles dabei ärgert mich. Mir geht es nicht so sehr darum, ob wir im Internet Regeln benötigen und wie diese aussehen sollen. Mich ärgert bei dieser Verordnung die Art und Weise, wie Menschen damit konfrontiert werden. 

In einem Artikel des Tagesspiegel vom 20. Mai 2018 fand ich- nicht zum ersten mal einen Satz, der für mich den eigentlichen Skandal der Verordnung kennzeichnet: Auch spezialisierte Anwälte sagen zudem, dass sich erst noch zeigen muss, wie genau bestimmte Artikel interpretiert werden müssen.

Werde ich nun durch die DSGVO zu einem Versuchskaninchen für- ja für wen eigentlich? Politiker? Juristen?

Im Grunde bedeutet dieser Satz: Wir haben ein Gesetz, wissen aber nicht, was es bedeutet. Oder bildhaft formuliert: Wir haben da ein tolles Auto für sie gebaut. Wie das mit den Bremsen funktioniert wird sich dann in der Zukunft zeigen. 

Die DSGVO ist dabei beispielhaft für viele andere Gesetze. Wie viele tausend Urteile gehen alljährlich in die nächste Instanz? Müssten Richter nicht sofort und eindeutig (er)klären können was Recht und was Unrecht ist? Wenn diese das schon nicht können, wie soll ich dann selber wissen, was erlaubt ist und was nicht? 

Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Gut, aber wie soll ich mich sachkundig machen und gesetzestreu verhalten, wenn mir nicht einmal Experten mit Gewissheit sagen können was richtig ist?

Kann ich überhaupt gegen ein Gesetz verstossen und dafür bestraft werden, das erkennbar nicht fertig ausformuliert ist? Und, wie soll jemand seinen Kindern beibringen wie man sich in unserer Gesellschaft richtig verhält, wenn dies nicht einmal für Juristen eindeutig möglich ist? 

Ein anderer Umstand bei der Einführung der DSGVO stört mein Rechtsempfinden.

In dem Artikel findet sich folgende Aussage: »Die Datenschützer haben schon deutlich gemacht, dass sie nicht vorhaben, jetzt bei den kleinen Bloggern die Türen einzutreten und hohe Bußgelder zu verhängen«, sagt Jan Philipp Albrecht, Europaabgeordneter der Grünen. 

Ein Satz, der beruhigen soll, doch eigentlich eine Ungeheuerlichkeit beinhaltet. Denn die Aussage bedeutet übersetzt: Wir können, aber wir werden (wahrscheinlich) nicht. Wenn das stimmt, bin ich in Zukunft abhängig von der individuellen Gnade eines Behördenmitarbeiters oder Politikers.

Im Weiteren lese ich, dass sich die Datenschutzbehörden »erst auf Unternehmen konzentrieren, die persönliche Daten im großen Stil verarbeiten und deren Geschäftsmodell darauf beruht, private Daten zu verkaufen und zu Geld zu machen« (Vera Jourová, EU-Justizkommissarin)

Wenn ich jetzt Marc Zuckerberg wäre, wäre ich richtig sauer. Das verstößt gegen jeden Gleichheitsgrundsatz. Entweder etwas ist verboten oder nicht. Der kleine Herr Geist darf klauen, Herr Zuckerberg aber nicht? Es bedeutet: Die Großen hängt man, die Kleinen lässt man laufen. Das ist genauso falsch, wie das umgekehrte Prinzip.

Es hilft mir auch nicht, wenn gesagt wird die Behörden haben gar nicht die Kapazitäten jeden zu kontrollieren. Was ist das für ein Gesetz? Ich beschließe etwas und weiß, dass es nicht umsetzbar sein wird. Was soll das? Und nur weil etwas nicht verfolgt werden kann, wird ein Fehlverhalten ja nicht richtiger. Dazu kommt, die Behörden haben vielleicht nicht die Kapazität, aber die vielen Abmahnanwälte schon. Die Konsequenz ist eine Klagewelle zu Lasten der Bürger und kleinen Unternehmen, mit einer jetzt schon beklagten Überlastung der Gerichte.

Noch einmal: Politiker machen Gesetze (teilweise müssen sie dazu von Gerichten gezwungen werden), doch Inhalte und Ausführungen bleiben im Unklaren. Ein Beispiel dafür ist das Berliner Hundegesetz. Seit dem 22. Juli 2016! ist es in Kraft (Auftrag erfüllt), doch die Verordnungen für die Umsetzung fehlen bis heute. Und wer sich das Gesetz anschaut wird selbst als Laie erkennen, dass vieles davon niemals praktisch umsetzbar sein wird. Es entsteht quasi per Gesetz ein rechtsfreier Raum, der es vollkommen willkürlich macht, ob ein Bürger betroffen ist oder nicht. 

Ja – Gesetze und Regelungen müssen sein. Doch sollten sie so formuliert werden, dass sie auch allgemeine Gültigkeit haben können. Die DSGVO sieht vor, dass Datenschutzbestimmungen verständlich formuliert werden, was auch immer dies genau bedeutet. Vielleicht sollten sich die Gesetzesmacher erst einmal darum kümmern Gesetze und Verordnungen so zu formulieren, dass diese wenigstens für sie selber eindeutig verständlich sind. Und das betrifft nicht nur die DSGVO.

Ich hab da mal ne Frage

Kennt Ihr das auch? Ihr surft bei Eurem Lieblings-Onlinehändler und seht Mitteilungen, wie: Käufer kauften auch…oder Ihr seht Nachrichten wie: 5 auf Lager; beziehungsweise: Sofort lieferbar.hugendu.jpeg

Und das bei einem Buch, das nur auf Bestellung gedruckt wird? Wenn ich mir meine Abrechnung anschaue wundere ich mich.

Man (Autor) hat immer das Gefühl, dass gemogelt wird. Daher meine Frage: Wer hat das Buch Friedolin im Dezember/Januar wo bestellt und wann wurde es geliefert?

Ihr könnt anonym Eure Antworten schicken unter :https://obstgekauft.wordpress.com/kontakt/

Ihr müßt wirklich nur das Kommentarfeld ausfüllen.

Vielen Dank

 

 

 

 

Grenzen der Toleranz

Auch ich komme von Zeit zu Zeit an die Grenzen meiner Toleranz.

Ich habe gelernt, dass sich Sprache wandelt. Heute schreibt man nicht mehr Mitarbeiter, sondern Mitarbeitende. Das war zuerst ungewohnt. Ich habe eine Weile gebraucht, das zu kapieren. Doch es macht Sinn und muss sein.

Ich weiß auch, dass sich viele Menschen für eine fleischlose Ernährung entschieden haben. Egal, ob aus geschmacklichen oder ethischen Gründen, gerade Letzteres kann ich gut nachvollziehen. Ich selbst koche gerne ohne Fleisch. Meist dann sogar gleich vegan.

Doch auch meine Toleranzschwelle wird irgendwann überschritten.

Ja- Meinetwegen. Ein vegetarisches Schnitzel kann es geben. Schnitzel ist ein planiertes, paniertes Hauptgericht und kann aus Kalb, Schwein, Tofu oder sonst was bestehen. Im schlimmsten Fall aus Euter (Berliner Schnitzel).

ABER!!!

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Es gibt keinen veganen Hering! Hering kann nicht vegan sein!

Es gibt kein vegetarisches Hackfleisch. Fleisch kann nicht vegetarisch sein.

Man kann keinen Wallach zum Vater machen…

Mennooo

Und noch eine Weihnachtsgeschichte

Ich war gerade Spazieren und ging ziellos durch die Strassen. Die Fenster der Häuser und Wohnungen waren festlich erleuchtet.

Bei meinen Spaziergängen fallen mir immer so seltsame Geschichten ein. Natürlich ist alles nur ausgedacht…

Bei Freunden zum Weihnachtsessen

Freunde haben mich zum Weihnachtsessen eingeladen. Wahrscheinlich aus Mitleid. Wäre gar nicht nötig gewesen, ich komme eigentlich auch so ganz gut zu recht.

Am Nachmittag klingle ich an der Tür. Sie, nennen wir sie mal Susanne, also Susanne macht die Tür auf. Ich betrete das Haus. Der hauseigene Golden Retriever bellt. Susanne beeilt sich zu versichern, dass sie den Hund im Zimmer eingesperrt hat. Sie weiß, dass ich tierischen Schiss vor Hunden habe. Rolf ist in der Küche. Natürlich kocht er.

Susanne ist eine moderne Frau. Die Zeiten, in denen Frauen bereits am frühen Morgen angefangen haben in der Küche den Weihnachtsbraten für den Abend vorzubereiten sind vorbei. Frauen schätzen inzwischen die Segnungen der modernen Lebensmittelindustrie mit ihren Convenience Produkten. Sie holen sich damit die Zeit zurück, die ihre Mütter und Großmütter in der Küche verbracht haben.

Also kocht Rolf. Auch Rolf ist ein moderner Mann. Das bedeutet: Er kocht nicht, er zelebriert ein Essen.

Susanne holt Paulchen, den Golden Retriever aus dem Wohnzimmer. Eigentlich ist er ein ganz verträgliches Tier. Nach ein paar Minuten haben wir uns aneinander gewöhnt. Damit sind wir also komplett. Susanne und Rolf haben keine Kinder. Sie sind klassische DINKs (Double Income No Kids).

Ich betrete die Küche und sage Rolf: »Hallo«. Susanne geht mit dem Hund noch mal vor die Tür und lässt uns alleine. Rolf ist mächtig am Wirbeln. Ich kenne Rolf seit der Schule. Er ist inzwischen ein ziemlich hohes Tier bei einer Versicherungsgesellschaft.

Rolf hat nicht gleich Zeit für mich. Er ist gerade dabei mit einer Präzisionswaage etwas abzuwiegen. Dann schüttet er die Zutat in einen Topf und rührt sie vorsichtig in eine kochende Flüssigkeit.

Danach dreht er sich um und begrüßt mich herzlich. Er erkundigt sich, wie mein neues Buch läuft. Er selbst konnte es noch gar nicht kaufen. Der Weihnachtsstress und so. Aber nach Weihnachten würde er es gleich bei Amazon bestellen. Ich antworte ihm, dass es für mich günstiger ist, wenn er es bei einem Buchhändler bestellt. Da verdiene ich mehr. Er verspricht es nicht bei Amazon zu bestellen. Wahrscheinlich bestellt er es gar nicht. Lesen tut er es sowieso nicht. Neben Geschäftsberichten und dem Handelsblatt liest Rolf eigentlich gar nichts.

Er reicht mir ein Glas Rotwein. Ziemlich teures Zeug.

Rolf wendet sich wieder seiner Küchenarbeit zu. Es gibt eine klassische Weihnachtsgans. Vom Biohof, betont Rolf und hält einen kurzen Vortrag über nachhaltige Lebensmittel.

Er koche ja nur mit natürlichen und frischen Produkten. Ganz im Gegensatz zu Susanne mit ihren furchtbaren Fertiggerichten. Ich weiß, dass er sich nie trauen würde so etwas in ihrer Gegenwart zu sagen. Doch in diesem Moment ist sie ja noch mit Paulchen Gassi gehen.

Rolf betont, dass das Kochen für ihn mehr ist, als nur Essen zuzubereiten. Es wäre eine Kunst.

Ich koche eigentlich auch ganz gerne. Einige meinen sogar ganz gut. Aber ich betreibe nicht so viel Aufwand. Wenn an ein Gericht Salz muss, schütte ich eine Prise in den Topf. Für Rolf ist das anders. Ich glaube die Präzisionswaage ist sein wichtigstes Küchenutensil. Er erklärt mir, dass es total wichtig sei die richtige Menge einer Zutat zu berechnen. Etwas zu viel oder zu wenig könnte den ganzen Braten vernichten. Er sagt wirklich vernichten. Ich frage ihn, woher er weiß, wie viel er von welcher Zutat braucht. Schließlich ist jede Gans doch unterschiedlich. Scherzhaft füge ich hinzu: »oder hast Du zuvor den Body Mass Index der Gans ermittelt.«

Rolf erkennt den Scherz nicht und meint, dass er selbstverständlich zuvor den BMI des Tieres berechnet hat. Er wäre doch kein Amateur und hält dabei einen Taschenrechner in die Luft.

Ich bin überrascht. Er kocht nicht nur mit Waage, sondern tatsächlich auch mit einem Taschenrechner. Ich kann so ein Ding nicht einmal richtig bedienen.

Eines eint uns beim Kochen jedoch. Wir benutzen beide keine klassischen Kochbücher. Ich koche so, wie es mir meine Großmutter beigebracht hat, frei Schnauze.

Rolf hat ein eigenes präzises Drehbuch für jedes Gericht. Ich schaue mir seinen Plan an. Natürlich sind die Seiten ordentlich laminiert. Ich könnte nach seinem Plan nicht kochen. Dort, wo ich Gramm Angaben erwarte, stehen Formeln. Ich frage ihn, was sie bedeuten. Rolf erklärt mir an einem Beispiel, dass er einen Index für die resultierende Tellermenge verwendet und je nach Grammzahl dafür genau errechnet hat, wie viel man von jeder Zutat benötigt.

Ich trinke noch einen Schluck Wein. Wirklich guter Stoff.

Rolf schenkt mir nach. Dann misst er einen viertel Liter davon ab und schüttet ihn in die Soße. Ich weiß zwar, dass man beim Kochen keinen schlechten Wein verwenden sollte, doch Rolf bringt gerade 15 Euro zum verkochen. 15 Euro. Ich rechne nach. Dass sind ca.10 Bücher, die ich für die Soße verkaufen müsste. Ich sage nichts.

Susanne kommt mit Paulchen zurück. Sie fragt, ob alles nach Plan läuft und wir uns gut amüsieren. »Alles bestens«, rufen wir ihr zu. Rolf ergänzt, dass nach seinen Berechnungen um 18:13 Uhr alles zum Anrichten bereit wäre.

Ich helfe Susanne beim Eindecken des Tisches. Sie ist Innenarchitektin und hat wirklich ein Gespür für stilvolle Einrichtungen oder in diesem Fall für einen schön gedeckten Tisch.

Im Wohnzimmer steht ein prächtiger Weihnachtsbaum. Bestimmt zwei Meter groß. Ich mache mir nichts aus diesen Sachen. Susanne findet es aber total wichtig. Sie erklärt mir, dass sie den Baum ganz gezielt bei einem Händler (natürlich Online) bestellt hätten. Schließlich soll er ja zwischen den Jahren, wie es so schön heißt, nicht anfangen zu Nadeln.

Ich erzähle Susanne, dass einige Familien den Weihnachtsbaum nur an Heiligabend im Zimmer aufstellen und ihn schon am 1. Feiertag auf die Straße stellen, zum Beispiel weil sie dann in den Urlaub fahren. Es gibt inzwischen sogar Menschen, besonders aus dem englischsprachigen Raum, die Weihnachten ja traditionell erst am 1. Feiertag begehen und sich gar keinen Baum mehr kaufen, sondern sich einen dieser früh entsorgten Bäume mit nach Hause nehmen. Natürlich ist Susanne darüber entsetzt. Ich finde das eigentlich ziemlich nachhaltig.

Ich gehe in die Küche und frage Rolf, ob ich helfen könnte. Dabei erwische ich ihn, wie er eine Fertigmischung getrockneter Kräuter in die Soße schüttet. Es ist zwar eine sehr teure Gewürzmischung eines Sterne Kochs, doch es ist eine fertige Mischung. Rolf ist peinlich berührt, als ich ihn dabei erwische. Er erklärt, dass er so was sonst nicht verwendet und alles selber anrührt. Doch jetzt bei dem ganzen Weihnachtsstress, da hat sich das halt so ergeben. Natürlich würde er alles noch persönlich abstimmen. Es wäre nur eine Grundlage.

Ich schaue mir die Mischung an. Sie sieht ziemlich bunt aus. Ich rieche daran. Rein geruchstechnisch scheint sie zu 99% aus Thymian zu bestehen.

»Ziemlich viel Thymian«, sage ich daher. Rolf stimmt mir natürlich sofort zu. Er verstehe gar nicht, wie dieser Mensch jemals einem Michelin Stern erhalten konnte. Er nimmt eine Pinzette und zupft ein paar getrocknete Kräuter aus der Dose. »Jetzt ist es viel stimmiger«, sagt er und hält mir die Dose mit den Trockenkräutern unter die Nase. Es riecht immer noch gleich nach Thymian. Doch ich will Rolf natürlich nicht verärgern und bestätige: »Ja, viel besser.«

Rolf scheucht mich aus der Küche. Es ist 18:05 Uhr. Er muss jetzt Finalisieren. Da braucht es höchste Konzentration. Ich gehe zu Susanne und setze mich an den Tisch. Wenige Minuten später kommt Rolf mit dem Gänsebraten. Es muss also 18:13 Uhr sein.

Der Braten ist perfekt angerichtet. Rolf setzt sich und hebt sein Glas: »Frohe Weihnachten«.

»Frohe Weihnachten«, geben Susanne und ich zurück.

Rolf zückt ein Messer und macht sich daran die Gans zu tranchieren. Das Messer ist so scharf, das man damit alles mögliche Unheil anrichten könnte. Während ich Rolf beim Tranchieren beobachte, denke ich über mögliche neue Buchideen nach. Alles blutrünstige Krimis. Ist eigentlich nicht mein Genre.

Rolf reicht uns die Teller. Susanne und ich kosten andächtig das Ergebnis der letzten Stunden. Gans und Soße schmecken ziemlich stark nach Thymian.

Rolf schaut uns erwartungsvoll an. Susanne verdreht die Augen und sagt: »Ein Gedicht.« Ich überlege, was ich antworten soll. So viel Thymian finde ich eigentlich nicht so toll. Also sage ich: »Ach Susanne, jetzt hast du dem Literaten doch glatt das Wort aus dem Mund genommen. Ich kann mich nur anschließen. Ein Gedicht.« Ich schreibe Prosa und keine Poesie. Von Gedichten habe ich eigentlich keine Ahnung. Ich hebe mein Glas, proste Rolf zu und nehme noch einen Schluck von dem sündhaft teuren Wein, um den Thymian Geschmack zu vertreiben.

Tapfer essen alle ihren Teller auf. Rolf begibt sich wieder in die Küche, um die Nachspeise zu finalisieren. Susanne muss derweil mal für kleine Innenarchitektinnen. Ich bin also mit Paulchen allein. Ich halte dem Tier ein Stück der Gans unter die Schnauze, doch er rümpft nur die Nase und dreht ab.

Rolf und Susanne kommen zurück. Der Abend vergeht, noch eine Flasche des teuren Weins wird getrunken. Irgendwann mache ich mich auf den Weg nach Hause und denke: Wäre gar nicht nötig gewesen, ich komme eigentlich auch so ganz gut zu recht. Doch immerhin habe ich jetzt ein Rezept, wie ich mir Hunde vom Leib halten kann: Thymian.